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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
   

SKANDAL

Hier der entfernte Text der Informationstafel im Wortlaut:
Gertraudenfriedhof Halle
Abteilung 24

Diese Grabanlage wurde im Jahr 2003 für 117 Menschen errichtet, die in den Jahren 1950 - 1953 an den Folgen der Haftbedingungen im Torgauer Gefängnis Fort Zinna starben. Die Gefangenen waren von sowjetischen Militärtribunalen zu 7 bis 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der Wahrheitsgehalt der Anklagen wurde nicht geprüft, es bestand keine Möglichkeit zur Verteidigung, und die Angehörigen erfuhren nichts über den Verbleib der Gefangenen. Auch über ihren Tod wurden sie nicht informiert, und so warteten die Familien noch viele Jahre vergeblich auf die Rückkehr der Verschwundenen und wagten es nicht, öffentlich über ihre verzweifelte Trauer zu reden. Die kommunistischen Machthaber hatten die Verstorbenen zur Einäscherung nach Halle bringen lassen und den Befehl erteilt, die Urnen ohne jede Kennzeichnung "verlassen" beizusetzen. Damit sollte erreicht werden, dass die Urnen unauffindbar bleiben. Die damaligen Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung haben diesen Befehl nicht ausgeführt, sondern die Urnen in der Abteilung 39, einem Reihengrabfeld, dessen Ruhefristen bereits abgelaufen waren, bestattet. Die Urnen wurden einzeln, jeweils hinter dem Grabstein bzw. Kopfende eines Grabes beigesetzt. Da dies nicht in einer Reihe, sondern im Gräberfeld weit verteilt erfolgte, hat der Friedhofsleiter, trotz des damit für ihn verbundenen Risikos, heimlich einen Lageplan angefertigt. Dank dieses Planes, der 1993 im Friedhofsarchiv gefunden wurde und der nun, nach der friedlichen Revolution von 1989, der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte, fiel endlich Licht auch auf dieses schreckliche Kapitel unserer Geschichte.

Die Urnen wurden umgebettet, um ihnen hier in dieser Grabanlage eine letzte würdige Ruhestätte zu geben. Die Steine tragen die Namen aller Toten, deren Angehörige nicht mehr ermittelt werden konnten. Viele von ihnen wurden inzwischen von der russischen Administration rehabilitiert. Die Grabanlage wurde im Sinne des Gesetzes der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft anerkannt und hat daher unbegrenztes Ruherecht.

Die Tafel auf dem Gertrauden-Friedhof in Halle hat die Stadtverwaltung vorsorglich entfernen lassen. Es gibt Streit um die Frage, wie an das Schicksal der dort begrabenen 117 Toten erinnert werden soll. (MZ-Foto: W. Scholtyseck)  
 


Chronik der Ereignisse

14.09. 2004 Ingrid Häußler, Oberbürgermeisterin von Halle, ordnet die Entfernung der Informationstafel auf dem Gertraudenfriedhof an mehr

15.09. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Kein Gras über der Geschichte" mehr

21.09. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Auseinandersetzung um Tote aus Torgau geht weiter" mehr

22.09. 2004 Dr. Frank Hirschinger (Historiker): Brief an OB Ingrid Häußler und die Mitteldeutsche Zeitung Halle mehr

24.09. 2004 Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener Sachsen-Anhalt (IVVdN) u.a.: Presseerklärung "Ehrung für verurteilte Kriegsverbrecher" mehr

25.09. 2005 Verein Zeit-Geschichte(n): Stellungnahme zur Presseerklärung des Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener Sachsen-Anhalt (IVVdN) vom 24.9.2004 "Es geht um Menschlichkeit"mehr

27.09. 2004 PDS-Landtagsfraktion: Presseerklärung "Gedenkstätte in Halle muss geschlossen werden" mehr

29.09. 2004 Reinhard Dobrinski (Vorsitzender des Vereins FORUM zur Aufklärung und Erneuerung Berlin): Brief an OB Ingrid Häußler mehr

29.09. 2004 Jüdische Gemeinde Halle: Presseerklärung "Ehrung für verurteilte Kriegsverbrecher" mehr

04.10. 2004 Kurt Weiss (Überlebender der "Greussener Jungs"): Brief an OB Ingrid Häußler mehr

06.10. 2004 Gudrun Goeseke (Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Halle und Vorstandsmitglied im Verein Zeit-Geschichten): Brief an Max Privorozki (Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle)mehr

09.10. 2004 SPD-Arbeitskreis ehemaliger politischer Häftlinge der SBZ/DDR: Offener Brief an OB Ingrid Häußler mehr

14.10. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Gräberkampf mit falschen Namen" mehr

04.11. 2004 Verein Zeit-Geschichten: Presseerklärung zur geplanten Verleihung des "Emil-Fackenheim-Preises für Toleranz und Verständigung" der Jüdischen Gemeinde Halle an den Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener Sachsen-Anhalt (IVVdN) - Landesverband Sachsen-Anhalt am 9.11. 2004 mehr

08.11. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Neuer Streit um Preisvergabe" mehr

11.11. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Eine Frage der Menschlichkeit" mehr

14.11. 2004 Christel Riemann-Hanewinckel (Mitglied des Bundestages und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend): Auszuege aus einer Rede zum Volkstrauertag auf dem Gertraudenfriedhof Halle mehr

16.11. 2004 Barbara Peter: Offener Brief an OB Ingrid Häußler mehr

08.12. 2004 Mitteldeutsche Zeitung: "Unterm Mühlstein der Geschichte. Wie Arno Brake und Wilhelm Biermann als Kriegsverbrecher abgestempelt wurden" mehr

15.12. 2004 Edda Ahrberg (Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt) Forschungsbericht über die Erkenntnisse des Ministeriums für Staatssicherheit über 117 ehemalige Torgauer Häftlinge, welche auf dem Gertraudenfriedhof in Halle Anfang der 1950er Jahre verscharrt wurden mehr

13.01. 2005 Mitteldeutsche Zeitung: "Tafel für Torgauer Tote muss nicht wieder aufgestellt werden. Verwaltungsgericht weist Klage des Bundes der stalinistisch Verfolgten ab" mehr

07.03. 2005 Stadtverwaltung Halle: Mitteilung "Zwischenstand Torgauer Urnen" mehr

12.04. 2005 Mitteldeutsche Zeitung: "Kriegsende 1945. SS ermordete bei Gardelegen mehr als 1000 KZ-Häftlinge" mehr

17.04. 2005 Dr. Frank Hirschinger (Historiker) Brief an an Wulf Gallert (Fraktionsvorsitzender der PDS-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt) mehr

10.06. 2005 Wolfgang Kupke: Brief an OB Ingrid Häußler mehr

14.06. 2005 Opferverbände Bund der Stalinistisch Verfolgten (BSV) und Vereinigung der Opfer des Stalinismus Magdeburg (VOS): Brief an OB Ingrid Häußler und den Stadtrat von Halle mehr

04.10. 2005 Wolfgang Stiehl (Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und des Bundes der Stalinistisch Verfolgten): Stellungnahme zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den ehemaligen Torgau-Häftling Benno Priess und Kritik an OB Ingrid Häußler mehr

17.11. 2005 Johannes Rink (Landesvorsitzender BSV-VOS) an Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt: Dienstaufsichtsbeschwerde gegen OB Ingrid Häußler wegen Untätigkeit mehr

21.11.2005 Mitteldeutsche Zeitung: Opferverbände kritisieren Häußler mehr

24.11.2005 Matthias Gärtner (MdL PDS) an Heidi Bohley (Verein Zeit-Geschichten) mehr

25.11.2005 Heidi Bohley (Verein Zeit-Geschichten) an Matthias Gärtner (MdL PDS) mehr

25.11.2005 Mitteldeutsche Zeitung: Kritiker bleiben zu Hause mehr

25.11.2005 Lorenz Eyck an Verein Zeit-Geschichte(n) mehr

01.12. 2005 EINLADUNG zu einer Tagung über die Auseinandersetzungen um die Gestaltung einer Grabanlage für die Torgauer Häftlingsurnen auf dem Gertraudenfriedhof in Halle mehr

01.12. 2005 Rundgang Gertraudenfriedhof mehr

02.12. 2005 Mitteldeutsche Zeitung: Tagung zu strittigen Torgau-Urnen mehr

11.1. 2006 Mitteldeutsche Zeitung: Mehrheit im Konsens zu Torgau-Urnen mehr

25.1. 2006 OB Ingrid Häußler: Information auf der Stadtratssitzung über Bedenken von Dr. Peter Fischer und Anmerkungen zu Dr. Peter Fischer mehr

16.2. 2006 Dr. Peter Fischer legt einen Textentwurf des Zentralrats der Juden in Deutschland vor mehr

29.3. 2006 Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler teilt dem Stadtrat in einer Informationsvorlage ihren Entschluss mit, die Informationstafel mit folgendem Text wieder anbringen zu lassen:

Hier wurden im Jahr 2003 117 Urnen bestattet. Diese Menschen starben in den Jahren 1950-1953 an den Folgen der Haftbedingungen im Gefängnis Torgau-Fort-Zinna. Sie waren von sowjetischen Militärtribunalen zu 7 bis 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt worden. Der Wahrheitsgehalt der Anklagen war zweifelhaft, es bestand keine Möglichkeit zur Verteidigung. Die meisten Angehörigen erfuhren nichts über den Verbleib der Gefangenen.
Häufig war die Mitteilung über den Tod die erste Nachricht, die ihre Familien erreichte.
Die Behörden ließen die Verstorbenen zur Einäscherung nach Halle bringen und erteilten den Befehl, die Urnen ohne jede Kennzeichnung „verlassen“ beizusetzen. Damit sollte erreicht werden, dass die Urnen unauffindbar bleiben.
Die Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung folgten diesem Befehl nicht, sondern bestatteten die Urnen in der Abteilung 39, einem Reihengrabfeld, dessen Ruhefristen bereits abgelaufen waren. Die Urnen wurden einzeln, jeweils hinter einem Grabstein bzw. am Kopfende eines Grabes beigesetzt. Da dies nicht in einer Reihe, sondern im Gräberfeld weit verteilt erfolgte, fertigte der Friedhofsleiter, trotz des damit für ihn verbundenen Risikos, einen Lageplan an. Dank dieses Planes, der 1993 im Friedhofsarchiv gefunden wurde und der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte, fiel endlich Licht auch auf dieses Kapitel unserer Geschichte.
Die Urnen wurden umgebettet, um ihnen hier in dieser Grabanlage eine würdige Ruhestätte zu geben. Die Steine tragen die Namen aller Toten, deren Angehörige nicht mehr ermittelt werden konnten
Die Grabanlage ist im Sinne des Gesetzes über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft anerkannt. Die Forschung und die Diskussion über die Inhaftierung und Verurteilung sowie über die Biographien der Toten sind nicht abgeschlossen. Ihr Stand wird u.a. in der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) dokumentiert.

10.5. 2006 Tagungsdokumentation über Verein Zeit-Geschichte(n) zu beziehen
Ab sofort ist eine Tagungsdokumentation mit den Vorträgen und einem Diskussionsprotokoll der Fachtagung über die „Torgauer Häftlingsurnen“, die am 1. Dezember 2005 in Halle unter dem Titel „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ stattgefunden hat, erhältlich. Herausgeber ist der Verein Zeit-Geschichte(n) Halle, der auch die Tagung organisiert hatte.
Die Dokumentation ist für eine Spende von 2 € zu beziehen:

Zeit-Geschichte(n) e.V.
Große Ulrichstraße 51
06108 Halle (Saale)
Tel 0345 / 20360 -40 FAX -41
zeit-geschichten@t-online.de
www.zeit-geschichten.de

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18.05.2006 Mitteldeutsche Zeitung: Neuer Text zu Torgau-Urnen mehr


17.07. 2006 Johannes Rink (Landesvorsitzender BSV-VOS), Ansprache anlässlich der Wiederanbringung der Info-Tafel auf dem Gertraudenfriedhof Halle:

Vor etwa 3 Jahren wurde diese neu gestaltete Anlage feierlich eingeweiht. Als Vertreterin der Stadt Halle sprach Frau Szabados. Wir, die Opfer des Kommunismus, hatten erreicht, dass die Toten hier würdig beigesetzt wurden. Wir glaubten damals, die hier liegenden 117 Opfer des Kommunismus würden, rund fünfzig Jahre nach ihrem Tod, endlich ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
Die acht Grabsteine mit den Namen der Toten und ihren Geburts- und Sterbedaten sollen an die Menschen erinnern, die hier beigesetzt sind. Die Info-Tafel, aus Spendenmitteln finanziert, sollte erklären, weshalb an dieser Stelle so massiert 117 Tote in Urnen aus 3 Sterbejahren beieinander bestattet sind. Wurden sie doch vor mehr als 50 Jahren hier im Krematorium eingeäschert und heimlich - laut Weisung "verloren" - beigesetzt.
Für den Tod dieser 117 Menschen und ihr würdeloses Verscharren tragen deutsche Kommunisten die Verantwortung. Sie sind schuldig und gönnen ihnen - auch heute - nicht einmal eine würdige Grabanlage. Nichts soll an ihre kommunistischen Verbrechen erinnern.
Wir danken der Stadt Halle, der Frau OB Häußler und den demokratischen Parteien, die durch ihre Entscheidung dazu beigetragen haben, dass jetzt die neue, im Text leicht geänderte Info-Tafel wieder angebracht wurde.
Da die SED/PDS und die IVVdN diese mehrheitliche Entscheidung des Stadtrates bis zum Schluss - auch mit Verleumdungen - bekämpft haben, werden sie ihre Niederlage nicht einfach so hinnehmen. So wurden wir von der Stadt Halle gebeten, diese heutige Veranstaltung möglichst klein und pressefrei zu halten, da sonst die linken Kräfte gleich wieder versuchen würden, die Toten und die Stadt Halle zu verleumden.
Auch nach 16 Jahren deutscher Einheit kann und will die SED/PDS noch immer nicht demokratisch gefasste Beschlüsse akzeptieren. Damit stellt sie sich selbst ein Armutszeugnis aus und gibt zu, dass sie immer noch ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie hat. Auch ein neuer Name (LINKE) ist keine Gewähr für eine neue Politik, sondern nur Etiketten-Taktik.
Am Schluss möchten wir einen kameradschaftlichen Gruß von Benno Prieß, der mit seinen Forschungen unmittelbar nach der Wende die ersten Namen der hier Beigesetzten ermittelte, an alle Teilnehmer der heutigen Veranstaltung ausrichten.


22.01.2007 Mitteldeutsche Zeitung: Dichtung und Wahrheit in Halle mehr