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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 14.10.04, von Steffen Könau

Gräberkampf mit falschen Namen
Im Streit um 117 Urnen aus dem Sowjet-Lager Torgau hat es die Wahrheit schwer

Halle/Greußen/MZ.  Sie kamen in der Silvesternacht 1945. Und Kurt Weiss, 15 Jahre alt, musste mit. "Sie brachten mich nach Sondershausen", erzählt er, "dort begannen sofort brutale Verhöre." Was genau die russischen Besatzer ihm und den gleichzeitig verhafteten anderen 38 Jungen aus dem thüringischen Örtchen Greußen vorwarfen, verstand er nicht. "Es hieß immer nur: Du lugen, Du sagen Namen!"

Drei Nächte voller Prügel hält Weiss durch. Zwei Tage steht er in einem Keller, knietief in eiskaltem Wasser. "Dann habe ich unterschrieben, was die wollten." Das Dokument ist in Russisch, Weiss versteht kein Wort. "Ich wollte ja nur noch raus da."

Ein Wunsch, der sich vier Jahre lang nicht erfüllen wird. Denn Kurt Weiss hat nun gestanden, ein "Werwolf" gewesen zu sein. Wie drei Dutzend andere Greußener Jungen ist der heute 74-Jährige Opfer einer Denunziation geworden. Doch das wissen die Greußener Jungs noch nicht. Sie sitzen im Sowjet-Knast, einige zum Tode verurteilt, die meisten zu zehn bis 15 Jahren Haft. "Das war wie ein Todesurteil", beschreibt Weiss. Während ein Zivilgericht den Mann verurteilt, der für die Massenverhaftung gesorgt hatte, sterben die Inhaftierten. "Meine Freunde sind verhungert, an Krankheiten verreckt, in ihren Zellen verfault", sagt Weiss, "Alle Hinweise unserer Eltern, dass der Fall geklärt ist, haben die Russen nicht interessiert."

Auch Kurt Weiss' Freund Helmut Trotzer stirbt, ohne zu wissen wofür. Sein Leichnam wird von Torgau nach Halle gebracht und eingeäschert. Die Familie erfährt nie, wo ihr Junge geblieben ist.

Erst nach der Wende stellt sich heraus, dass die DDR-Behörden Trotzers Urne mit 116 anderen anonym auf dem halleschen Gertraudenfriedhof vergraben lassen hatte. Im Sommer 2003 dann werden die sterblichen Überreste der in Sowjet-Haft umgekommenen Männer in ein anderes Gräberfeld umgebettet. Acht schlichte Steine mit ihren Namen werden aufgestellt, eine Informationstafel angebracht.

Ein Vorgang, der mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Tod der Männer zum Politikum wird. Unter den Toten befänden sich zahlreiche hochrangige Nazis; Männer, die an Erschießungen beteiligt gewesen seien und von Sowjet-Gerichten zu Recht abgeurteilt wurden, argumentiert Jupp Gerats, Chef des Interessenverbandes der Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand (IVVdN). Eine Forschergruppe des Verbandes habe in mehrmonatiger Arbeit Akten geprüft. "Die Fakten belegen, dass es sich bei den Bestatteten überwiegend um Kriegsverbrecher und Nazi-Aktivisten handelt."

Gerats nennt Namen: So habe Walter Biermann an der Ermordung von 1 017 KZ-Häftlingen bei Gardelegen teilgenommen, Walter Bartel als SA-Hauptsturmführer dem NS-Sicherheitsdienst zugearbeitet. Die Folgerung daraus könne nur eine Beseitigung des "Ehrenhains" sein, wie Jupp Gerats die Grabstätte nennt. Dieser Forderung hat sich unterdessen auch die PDS-Landtagsfraktion angeschlossen.

Die Stadt Halle ließ daraufhin eine Informationstafel zu den Umständen der Umbettung entfernen. Zur äußersten Empörung von Kurt Weiss: "Jetzt entscheiden ausgerechnet Ex-DDR-Funktionäre, wer Täter und wer Opfer ist." Bitter stoße ihm vor allem auf, dass Jupp Gerats die russischen Urteile "schon ordentlich" nennt. "Ich war dabei, ich weiß, wie Wahrheit mit Prügel und Folter erzeugt wurde."

Und es gibt Zweifel an den Ergebnissen der Archivrecherchen der IVVdN-Forscher. So befindet sich der Name des als Täter von Gardelegen genannten "Walter Biermann" auf keinem der acht Steine auf dem Gertraudenfriedhof. Dort liegt nur ein Wilhelm Biermann, der wegen der Beteiligung am Gardelegener Massaker inhaftiert war.