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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 11.11.04, von Andreas Montag

Eine Frage der Menschlichkeit
Streit um angeblichen Ehrenhain für Nazi-Verbrecher offenbart tiefe Gräben

Halle/MZ.  Geschichte setzt sich aus Fakten und Ereignissen zusammen, aber sie wird von Menschen gemacht - und betrachtet. Das bringt zwangsläufig Emotionen, auch Interpretationen ins Spiel. Schmerz, Trauer, Empörung - alles dies bewegt Geschichte. So bleibt sie in unseren Überlieferungen oft widersprüchlich, aber eben auch lebendig. Was dem Bild, das wir uns von der Geschichte machen, hingegen nicht zur Klarheit verhilft, ist Ideologie.

Diese Erfahrung sollte gerade im Osten Deutschlands eigentlich nicht mehr diskutiert werden müssen. Aber der seit Wochen andauernde Streit um die angemessene Form des Gedenkens an die 117 toten Häftlinge aus Torgau auf dem halleschen Gertraudenfriedhof belegt einmal mehr das offensichtliche Gegenteil. So delikat der Fall ist (und die Sorge nahe legt, dass jede Wortmeldung als Widerrede, nicht als Angebot zum Bedenken verstanden werden könnte), so dringend muss er doch besprochen und auf seinen menschlichen Nenner zurückgeführt werden.

Dieser Nenner sollte heißen: Wir sprechen hier über Schicksale von Menschen, unter denen gewiss auch Täter waren, deren Tod aber nicht pauschal, wie vom IVVdN beiläufig angedeutet, auf seinerzeit verbreitete Tuberkulose zurückzuführen ist, sondern vor allem auf die menschenunwürdigen Haftbedingungen. Man kann das nachlesen: offene Lungen-Tbc, tuberkulöse Hirnhautentzündung, tuberkulöse Bauchfellentzündung führten zum Tod, auch Selbstmord ist aktenkundig. Am beklemmendsten an der Argumentation gegen die Würdigung des Schicksals der Torgauer Häftlinge ist, dass man sie noch über den Tod hinaus bestraft.

In Halle sei demnach von der Stadt, unterstützt u. a. vom Land Sachsen-Anhalt, "ein Ehrenfriedhof als Gedenkstätte" für Häftlinge eingeweiht worden, bei denen es sich "nachweislich und unwiderlegbar" überwiegend um rechtmäßig verurteilte, "wirkliche Kriegsverbrecher" gehandelt habe.

Die erregte Diskussion trifft, bei allem schuldigen, selbstverständlichen Respekt vor dem Leid der Verfolgten des NS-Regimes, doch nicht die ganze Wahrheit. Und sie lässt eine Prämisse außer Acht: Menschen, und hätten sie sich des ärgsten Verbrechens schuldig gemacht, haben ein Recht auf Würde im Tode. Darunter kann man das anonyme Verscharren der Urnen, wie es zu DDR-Zeiten geschehen ist, im Ernst nicht zählen wollen. Diesem Umstand sollte die im Vorjahr aufgestellte Tafel Rechnung tragen. Es war nicht von irgendeiner Umwertung der Werte die Rede und es geht auch nicht darum, Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, posthum zu Helden zu erklären.

Zudem wird man die Fälle wohl einzeln prüfen müssen. Es ist eine Frage der Menschlichkeit. Wenn der IVVdN zwei Männer anführt, die am Massaker an KZ-Häftlingen bei Gardelegen beteiligt waren, so wird man feststellen, dass beide Volkssturmmänner waren. Der eine erklärte den DDR-Behörden, an die er wie die anderen von den Sowjets überstellt worden war, er sei wegen "Anschießens" eines ausländischen Häftlings verurteilt worden und bekenne sich nicht schuldig.

Der zweite räumte dagegen ein, Schuld an der Erschießung sowjetischer Bürger zu tragen. Beide Männer wurden, ungeachtet ihrer abweichenden Aussagen, zu jeweils zehn Jahren Arbeitslager (für sowjetische Strafen jener Jahre außergewöhnlich milde) verurteilt. Daneben gibt es sehr dubiose Anschuldigungen: "Spionage" für die Amerikaner brachte 15 Jahre, "unerlaubter Waffenbesitz" 25 Jahre ein. Selbst einer, der im Krieg beide Unterschenkel verloren hatte, war unter den Torgauer Häftlingen. Er starb im Januar 1951, eine Benachrichtigung der Angehörigen erfolgte nicht. Sie lebten im Westen.