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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Halle, den 25.11. 2005

Mitteldeutsche Zeitung: Kritiker bleiben zu Hause

Streit über die Torgau-Urnen hält an - Verband der Nazi-Verfolgten bleibt Tagung fern

von Andreas Lohmann

Diese Tafel stand nur kurze Zeit vor dem Urnenfeld der Toten aus dem sowjetischen Militärgefängnis in Torgau. Die Stadtverwaltung entfernte den Text, nachdem der Interessenverband der Antifaschisten Protest erhoben hatte. Vorhanden ist jetzt nur noch eine Platte ohne Text. Ob sich das noch einmal ändert, ist ungewiss. Eine bevorstehende Tagung soll helfen, eine Klärung herbeizuführen. (MZ-Foto: privat)



Halle/MZ. 117 Urnen liegen auf einem Grabfeld des halleschen Gertraudenfriedhofs. Sie enthalten die Asche von Toten aus dem früheren sowjetischen Militärgefängnis Torgau. Welchen Charakter hat das Grabfeld? Wer sind die Verstorbenen? Waren es Kriegsverbrecher oder Unschuldige? Ist es möglich, auf einer einzigen Erinnerungstafel jene Wahrheit zu formulieren, die allen Einzelschicksalen und der Geschichte gleichermaßen gerecht wird? Vor allem um die letzte Frage tobt unnachgiebiger Streit.

Im Jahr 2004 war vor dem frisch angelegten Grabfeld eine Texttafel aufgestellt worden. "Es sollte nur eine Informationstafel für Besucher des Friedhofs sein", so Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichte(n). Völlig anders sieht es der Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand und Hinterbliebener (IVVdN). Landesvorsitzender Josef Gerats beklagt: "Verurteilte Kriegsverbrecher haben einen Ehrenhain bekommen." Die Tafel sei Teil der Anlage und Kern des Konflikts.

Der IVVdN setzte bei der Stadt durch, dass der Text entfernt wird. Ob die Zeilen in der alten Fassung jemals wieder am Grabfeld erscheinen, ist zu bezweifeln.

Am 1. Dezember findet in Halle eine Tagung statt, die sich mit den Torgau-Urnen, dem Grabfeld und der Tafel beschäftigt. "Die Kritiker sollten dort zu Wort kommen, um ihre Bedenken vorzutragen", hatte Bohley gehofft. Doch die PDS und der IVVdN, denen diese Rolle zugekommen wäre, nehmen nicht teil. "Dort kommt nichts raus", äußert Gerats. Zudem sei im Hauptausschuss des Stadtrates die "verbindliche Absprache" getroffen worden, dass Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) eine unabhängige Historikerkommission einberuft, um eine Klärung herbeizuführen. Doch bis heute existiert diese Kommission nicht. Häußler sagte zur MZ, die Stadt habe mit drei Historikern Kontakt gehabt, inzwischen hätten alle eine Absage erteilt.

Die Stadt wollte den Gelehrten wohl nur eine Moderatorenrolle zuschreiben, sie sollten in dem Streit vermitteln. Doch die Historiker dachten an eine wissenschaftliche Aufarbeitung in Gutachten-Form. Sie hätten sich dann mit den Biografien der Toten befassen müssen, um festzustellen, wer Kriegsverbrecher und wer unschuldig war. Häußler scheut die Kosten: "Für ein Gutachten haben wir kein Geld."

Bohley ist verärgert. Die ehemalige Bürgerrechtlerin wirft der Stadt vor, den Text von der Platte entfernt zu haben, ohne sich zuvor über die Sachlage informiert zu haben. Und Bohley hatte gehofft, die Stadt würde auf der bevorstehenden Tagung ihr Gutachten vorstellen. "Aber da herrscht auf der ganzen Linie Untätigkeit", wirft sie dem Rathaus vor. Deshalb habe sie auch Verständnis dafür, dass die Opferverbände der stalinistisch Verfolgten jetzt eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landesverwaltungsamt eingereicht haben.

Der Vorstoß soll Häußler zum Handeln bewegen. Johannes Rink, Sprecher der Opferverbände: "Wir haben ihr viele Briefe geschrieben und Kompromissbereitschaft signalisiert, nie kam eine Antwort von ihr."