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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


Halle, den 11.01. 2006

Mitteldeutsche Zeitung: Mehrheit im Konsens zu Torgau-Urnen

Von Andreas Lohmann

Halle/MZ. Im Streit um das Torgauer Gräberfeld auf dem halleschen Gertraudenfriedhof zeichnet sich eine Entscheidung ab. Eine breite Mehrheit im Stadtrat und Oberbürgermeisterin Ingrd Häußler (SPD) haben sich auf den Wortlaut einer neuen Texttafel, die über die Herkunft von 117 Urnen aus dem sowjetischen Militärgefängnis Torgau-Fort Zinna informieren soll, verständigt. Vorbehalte meldet die PDS an. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (IVVdN) lehnt auch die neue Tafel ab.
Am 20. Dezember fand bei Häußler eine Besprechung mit Stadtratsmitgliedern und Vertretern der Opferverbände statt. Dort wurde ein von der Verwaltungsspitze ausgearbeiteter Text-Entwurf vorgelegt (siehe Beitrag "Von sowjetischen..."). Bis gestern gab Häußler allen Beteiligten, darunter auch den Opferverbänden, Zeit, Ergänzungsvorschläge zu machen. Vor allem dem IVVdN sollte Bedenkzeit eingeräumt werden. Doch Verbandschef Josef Gerats gab nach Darstellung von Teilnehmern der Häußler-Runde zu verstehen, dass der IVVdN bei seiner generell ablehnenden Haltung bleibe, da er der Auffassung sei, dass unter den Toten Kriegsverbrecher seien und jeder Anschein eines Ehrenhains vermieden werden müsse. Gerats war gestern nicht erreichbar.
Im Jahr 2004 hatte Häußler die zunächst angebrachte Erinnerungstafel nach Protest des IVVdN entfernen lassen. Danach passierte monatelang nichts. Im Herbst 2005 drängten die Verbände der stalinistisch Verfolgten darauf, die Tafel wieder hinzulegen. Das lehnte Häußler ab. Am Montag wurde der neue Textentwurf in den Ratsfraktionen diskutiert. "Unsere Fraktion hat den Wortlaut akzeptiert", sagte Werner Misch (CDU). Stadtratsvorsitzender Harald Bartl (parteilos) erklärte, der Text beinhalte allein Informationen über Tatsachen und keine Bewertungen mehr, er stimme zu. Rüdiger Fikentscher (SPD): "Der Text wurde so kurz wie möglich gefasst, aber auf ein paar Aussagen musste bestanden werden." "Am besten wäre es, keine Tafel hinzulegen", sagte PDS-Fraktionschef Bodo Meerheim, "Die historische Aufarbeitung gehört an einen anderen Ort." Dass da auch Kriegsverbrecher lägen und nicht nur Unschuldige, stehe fest. Heidi Bohley vom Verein Zeitgeschichte(n) kritisierte den IVVdN und die PDS, da sie es versäumt hätten, diese Behauptung zu beweisen.
Die Texttafel am Gräberfeld der Toten aus Torgau- Fort Zinna auf dem Gertraudenfriedhof in Halle soll folgenden Wortlaut haben:

"Hier wurden im Jahr 2003 117 Urnen bestattet. Diese Menschen starben in den Jahren 1950 bis 1953 an den Folgen der Haftbedingungen im Gefängnis Torgau-Fort-Zinna. Sie waren von sowjetischen Militärtribunalen zu 7 bis 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt worden. Der Wahrheitsgehalt der Anklagen war zweifelhaft, es bestand keine Möglichkeit zur Verteidigung. Die meisten Angehörigen erfuhren nichts über den Verbleib der Gefangenen. Häufig war die Mitteilung über den Tod die erste Nachricht, die ihre Familien erreichte. Die Behörden ließen die Verstorbenen zur Einäscherung nach Halle bringen und erteilten den Befehl, die Urnen ohne jede Kennzeichnung "verlassen" beizusetzen. Damit sollte erreicht werden, dass die Urnen unauffindbar bleiben. Die Mitarbeitzer der Friedhofsverwaltung folgten diesem Befehl nicht, sondern bestatteten die Urnen in der Abteilung 39, einem Reihengrabfeld, dessen Ruhefristen bereits abgelaufen waren. Die Urnen wurden einzeln, jeweils hinter einem Grabstein bzw. am Kopfende eines Grabes beigesetzt. Da dies nicht in einer Reihe, sondern im Gräberfeld weit verteilt erfolgte, fertigte der Friedhofsleiter, trotz des damit für ihn verbundenen Risikos, einen Lageplan an. Dank dieses Planes, der 1993 im Friedhofsarchiv gefunden wurde und der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte, fiel endlich Licht auch auf dieses Kapitel unserer Geschichte. Die Urnen wurden umgebettet, um ihnen hier in dieser Grabanlage eine würdige Ruhestätte zu geben.
Die Steine tragen die Namen aller Toten, deren Angehörge nicht mehr ermittelt werden konnten.
Die Grabanlage ist im Sinne des Gesetzes über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft anerkannt."